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Triebwagen 9 soll wieder fahren! Wanderziele ab Haltestelle Wagenpark 100 Jahre Kirnitzschtalbahn
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Der erste Niederflurwagen im Kirnitzschtal Nach der Wende kaufte die Hallesche Straßenbahn den ersten Niederflurwagen der neuen Generation in den neuen Bundesländern. Es handelte sich um den 4. Wagen einer für Bochum gefertigten Serie. Damals konnte die DÜWAG noch innerhalb einer Serie kleine Anpassungen für zwei Wagen problemlos ausführen. Dieser Wagen diente der Firma Siemens gleichzeitig als Werbefahrzeug im sich nun vergrößerten Verkaufsgebiet. Die Dresdner Straßenbahn begann ebenfalls über die Erneuerung ihres Wagenparks nachzudenken. So wurde bei Siemens der Gedanke geboren, den Triebwagen 500 der HAVAG für drei Wochen im Kirnitzschtal zur Präsentation und Werbung einzusetzen. Zuerst wurde mittels eines Phantomfahrzeuges, das extra von Erfurt ausgeliehen wurde, die Profilfreiheit geprüft. Nach dem Fällen von zwei Bäumen, die auch im Regelbetrieb nicht mehr den notwendigen Sicherheitsabstand aufwiesen und der Anpassung des Bahnsteiges in Bad Schandau, waren alle Voraussetzungen gegeben. Die Anlieferung erfolgte in der Nacht vom 12. zum 13. Juli 1993 mittels Tieflader von Halle über die A14 / A4 nach Dresden. In Dresden selbst mussten wegen fehlender Höhenfreiheit ein paar kleine Umwege gefahren werden. Schließlich ging es über die B172 nach Bad Schandau. Wegen der engen Ortsdurchfahrt konnte der Transport nicht direkt in die Kirnitzschtalstraße einbiegen. So fuhr der Tieflader erst in Richtung Grenze, kuppelte dann die Zugmaschine ab und drehte diese. Danach ging es als geschobene Fahrt die letzten 2 km bis zum Depot.
Die Kirnitzschtalbahn verkehrte an diesem Tag mit Bussen im Schienenersatzverkehr, so dass die Entladearbeiten und die Probefahrt ohne zeitlichen Druck und dem Problem der Zugkreuzungen stattfinden konnte. Am Depot wurde dann auf dem Streckengleis neben der Busabstellfläche die Rampe aufgebaut und der Wagen vom Tieflader gerollt. Anschließend wurde nur der B - Stromabnehmer aufgebaut, da der A - Stromabnehmer nur zum Schalten der Weichenverriegelungskontakte im Halleschen Streckennetz gebraucht wurde (er hatte keinen 600 V Anschluss). Nun hieß es Bügel an und Fahrzeug einschalten. Die erste Fahrt ging dann nach Bad Schandau. Unterwegs kamen uns die Monteure und Verkäufer von Siemens entgegen, bisher hatten wir alles ohne "Oberbedenkenträger" sehr pragmatisch erledigt. In der Endstellenanlage zeigte sich, dass die ersten beiden Steine der Bahnsteigkante versetzt werden müssen. Da alle verfügbaren Kirnitzschtalbahner bei dieser wirklichen Premierenfahrt mit dabei waren und auf der Kirnitzschtalbahn handwerkliche Dinge, die in keinem Arbeitsvertrag stehen, immer zur Selbstverständlichkeit gehören, vergingen nur wenige Minuten und die störenden Steine waren ausgebuddelt. Zwischenzeitlich hatten dann auch die "Offiziellen" die Endstellenanlage gefunden und erklärten uns, was eigentlich alles nicht gehen durfte. Anschließend konnten sie sich überlegen, ob sie mit dem Auto fahren wollten oder ob sie einsteigen und einfach mit dem Tw 500 zum Lichtenhainer Wasserfall gefahren werden wollten. Dort wurde das befahrbare Streckenende wiederum durch den Bahnsteig begrenzt. Nach dem Mittagessen ging es zurück zum Depot. Im Depot war nur Gleis 3 profilfrei für das immerhin 100 mm breitere Fahrzeug. Auch musste genau bis zur Wand gefahren werden, sonst ging die Tür nicht zu. Wie immer bei solchen Anlässen, gab es dann eine offizielle erste Fahrt mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und den beteiligten Verkehrsunternehmen.
Der nun folgende fahrplanmäßige Einsatz gestaltete sich ein bisschen aufwendiger, da von den Kirnitzschtalbahnern nur der Betriebsleiter selbst fahren durfte. So wurde Tw 500 immer auf dem 2. Dienst eingesetzt. Zur damaligen Zeit wurde die Mittagspause in der Haidemühle verbracht. Um nun zur Ablösung immer mit den Stammfahrzeugen zu fahren, gab es nachfolgende Betriebsablauf. Durch die Werkstatt wurde ein Zug nach Bad Schandau gefahren und umgekuppelt in das Stumpfgleis gestellt. Kam Tw 500 an, wurde vom Fahrer der Kirnitzschtalbahnzug in die Umfahrung gefahren, anschließend die 500 auf das Stumpfgleis. Nun der Kirnitzschtalbahnzug an den Bahnsteig rangiert und nach dem Zustieg der Fahrgäste konnte die Fahrt beginnen. Nach der Mittagspause verlief das Spiel in umgekehrter Reihenfolge. Wenn es passte, kam am Depot ein zweiter Fahrer mit, der den Kirnitzschtalbahnzug gleich wieder mit ins Depot nahm. Eine weitere Episode des ersten Niederflurwageneinsatzes soll hier nicht verschwiegen werden. Bereits in Halle gab es Probleme mit der Dichtigkeit der Drehzahlgeber an den Achsen. Nun haben moderne Antriebe den Nachteil, das sie ohne Drehzahlwerte nicht oder nur sehr komisch fahren. Am ersten Freitag des Fahrgastbetriebes hatte es den ganzen Nachmittag geregnet. Bei der Abfahrt 16:30 Uhr ab Lichtenhainer Wasserfall traten dann auch genau diese Probleme auf. Mit vielen Tricks gelang es den Triebwagen um die Kurve am Wasserfall zu bringen, dann ging es immer leicht bergab, so dass die Antriebe nicht gefordert waren. Beim Bremsen gab es immer noch die mechanische Bremse mit einer festen Bremswertvorgabe. Da die Fahrerei nicht besser wurde und der Fahrplan nur noch auf dem Papier stand, wurde am Depot der Wagen ausgesetzt. Hier hatte der Fahrer vom Gegenzug schon den Ersatzzug herausrangiert. Am Abend fand dann sofort eine Krisensitzung statt, schließlich war zu erwarten, das am Wochenende einige Mitarbeiter von umliegenden Verkehrsbetrieben im Rahmen eines "zufällig" Familienausfluges das Fahrzeug bewundern wollten. Zuerst mussten unbedingt neue Geber her, der Rest ließ sich schon irgend wie lösen. Nun gibt es in großen Firmen immer zwei Sorten von Leuten - "kann warten, bis ich wieder im Büro bin" oder "kriegen wir sofort hin".
Nach vielen Telefonaten fanden wir dann zum Glück Leute "kriegen wir sofort hin", die noch am Freitagabend die Teile aus dem Lager holten und per Kurier von Düsseldorf nach Bad Schandau transportieren ließen. Am nun folgenden Samstag verblieb Tw 500 im Depot, sehr zur Enttäuschung vieler Dresdner, die vom Niederflureinsatz aus der Zeitung erfahren hatten. Am späten Nachmittag kamen dann die ersehnten Teile im Kirnitzschtal an. Jetzt mussten die Geber nur noch gewechselt werden. Gleis 3 besaß jedoch keine Grube und die Grubengleise konnten nicht befahren werden, zumal in beiden Drehgestellen die Geber getauscht werden sollten. Ein unter den Wagen kriechen war auch an keiner Stelle im Netz möglich, so wurde eine völlig unkonventionelle Lösung gefunden. Sonntagmorgen rangierten wir zuerst einen Triebwagen kurz vor die Haltestelle Waldhäus'l. Anschließend wurde die vom Transport noch dastehende Rampe mit dem H5-Lkw auf das Gleis gezogen und der Triebwagen ein Stück hinaufgefahren. Nun konnten die Geber im ersten Drehgestell gewechselt werden. Die Uhr war schon auf kurz nach 08:00 Uhr gerückt. Die Fahrgäste der ersten Fahrt mussten nun unseren Werkstattbereich umlaufen und konnten ihre Fahrt mit dem vorsorglich bereitgestellten Triebwagen fortsetzen. Anschließend galt es die Rampe aus dem Gleis zu räumen, die 500 Richtung Wasserfall zu fahren und die Rampe mit ihrer ganzen Länge von ca. 8 m zu drehen. Auch das gelang uns. Nun noch die Geber am anderen Drehgestell wechseln. Der Triebwagen kam bereits vom Wasserfall zurück. Noch musste umgestiegen werden. Jetzt schnell unter die Dusche, die Hände von der klebrigen Dichtmasse gesäubert, in die Uniform geschlüpft - pünktlich 09:37 Uhr kreuzte Tw 500 den Richtung Wasserfall fahrend Zug am Depot und setzte sich planmäßig als zweiter Zug ein. Nach über 3 Wochen Fahrgastbetrieb endete am 02. August.1993 der erste Einsatz eines Niederflurfahrzeuges im Kirnitzschtal. Rückwirkend muss man beide Seiten betrachten, es war ein wichtiges Zeichen, dass die Kirnitzschtalbahn die Wende gut überstanden hatte und in der anschließenden Rekonstruktion im Winter 1993 / 1994 die infrastrukturellen Grundlagen für den sicheren Weiterbestand gelegt worden. Zum Zweiten hat sich gezeigt, dass bei den Fahrgästen der Kirnitzschtalbahn das Bild von kleinen Fahrzeugen, die zu Zügen zusammengekuppelt werden, geliebt wird, denn es gab viele Stimmen die damals sagten: "Schön dass der Wagen hier ist, aber so richtig herpassen tut er nicht."
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